Seit Tagen mühe ich mich an einer verwilderten Ecke unseres Grundstückes ab, um es von wilden Brombeeren und allerlei anderem Gewächs zu befreien und um endlich an die vielen Zwetschgenbäume heranzukommen. Es ist eine Sisyphusarbeit und ich sehe aus als ob ich in ein Rosennest gefallen wäre – überall zerstochen. Doch während ich Wildwuchs um Wildwuchs entferne kommen Überraschungen zutage. Alte Weinstöcke, deren Ausläufer bis hoch in die Bäume gewachsen sind (die Vögel mögen mir verzeihen) und seltene Blumen, deren Namen ich noch herausfinden muss. Aber eines überragt alles – die vielen Menschen, die den Weg am unteren Ende säumen. Das hab‘ ich noch nicht gewusst, welch reges Treiben hier herrscht.

Da ist die Jungbäurin, auf dem Weg nach Sainte Alvère. Sie parkt ihr Auto kurzerhand in der Wiese und erzählt mir die neuesten Ereignisse. Kurz darauf halten ihre Cousins, die selbst Wein und Nussöl herstellen und mir sofort sagen, welcher Stock noch in Ordnung ist und wie ich ihn schneiden soll und vor allem welche Bäume abgestorben sind und den anderen nur das Licht wegnehmen. Ein wenig später einer unserer Bürgermeisterkandidaten, diesmal muss ich zum Auto hin um ihn zu begrüßen und lerne ganz nebenbei einen anderen Nachbarn kennen, der ganz in der Nähe in einem Waldstück wohnt. Und dann kommt Eva, ein Althippie, die sich in den 60-er Jahren in einen Ökobauern und das Land verliebt hat und seitdem hier lebt. Ab und an trinkt sie einen Tee bei mir und isst ein Stück selbstgemachten Kuchen, wofür sie mir einen Pfirsichbaum geschenkt hat – eine ganz alte Sorte. Diese habe ich gepflanzt und wollte ihr das natürlich zeigen. Ihre Bäume sind ein wenig wie Kinder für sie. Dann hat der Altbauer gehalten und meine Arbeit begutachtet, um mir schließlich ein Lob auszusprechen, was mich sichtlich stolz gemacht hat und dann noch sein Sohn in seinem neuen Traktor mit Stereoanlage. Auch er bleibt stehen und wir plaudern.

Was mir auffällt – jeder hat hier Zeit, keiner ist in Eile auch wenn gekocht, eingekauft, die Kühe versorgt, Holz geschnitten oder andere Arbeiten verrichtet werden müssen. Zeit, von der schon der Philosoph Seneca meinte, dass es das wertvollste Gut des Menschen sei und diese es achtlos verschleudern, ohne sich über deren Wert bewusst zu sein. Gödel hat bewiesen, dass die Allgemeine Relativitätstheorie (die ART) auch Formen der Raumzeit kennt, die es unmöglich machen, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu unterscheiden – dem hatte sogar Einstein nichts entgegenzusetzen.

Ganz plötzlich fällt mir auf, dass auch für mich die Zeit eine andere Bedeutung bekommen hat. Ich nehme sie mir einfach, für andere, für mich selbst, für unsere Hunde, für Pläne, für das Schreiben, für den Garten, für Träume und für das Hier und Jetzt. Und ganz nebenbei habe ich Zeit, dem Gesang der Vögel zu lauschen und glücklich in mich hineinzulächeln. Danke – Ihr alle seit meine Lehrmeister und Ihr habt mir, ohne es zu wissen, ein großes Lehrstück für ein glückliches Leben erteilt.