Wer aus der Generation 50-er kennt ihn nicht den berühmten Commissaire Maigret, der elegant, die Pfeife im Mundwinkel, die schwierigsten Fälle gelöst hat oder die berühmte Miss Marple, die mit scharfem Verstand und weiblicher Raffinesse in die dunkelsten Ecken der menschlichen Seele blicken konnte.

Aber das haben wir hier auf unserem kleinen Weiher auch in Form unserer Nachbarin, der Jungbäuerin. Ausgerechnet am Osterwochenende bekam ich einen Anruf von ihr »Beatrice, kannst Du bitte kommen, im Nachbarhaus steht das Fenster offen und es dringen so komische Geräusche nach außen«.

Auch mein detektivischer Instinkt war geweckt, schließlich war mein Urgroßvater Hauptkriminalkommissar in Wien, wie mir meine Mutter immer voller Stolz erzählt hat. Also mache ich mich auf den Weg, bewaffnet mit meinem Handy.

Manon steht schon vor dem Haus. Ihre Silhouette ist nicht zu übersehen, klein, ein wenig rund, mit einem riesigen Mobiltelefon um die füllige Taille, was sich nicht gerade vorteilhaft auswirkt, ihr Hütchen auf dem Kopf, das ihre pfiffigen, wachen Augen hervorblicken lässt. In ihrer rechten Hand hält sie einen langen Stock, der sonst zum Abholen der Kühe vom Feld bestimmt ist und begleitet von ihrer treuen Begleiterin »Coquette«, einer Hütehündin.

In Zeiten von Corona verzichten wir natürlich nicht nur auf die obligatorischen Küsschen sondern halten auch wirklich konsequent Abstand. Und tatsächlich, als ich ankomme, nicht gerade leise, höre ich laute, diffuse Geräusche aus dem Haus. Das Haus steht leer, weil die Besitzer bei ihren Kindern in England zu Besuch waren und es vor Sperren nicht mehr geschafft haben, rechtzeitig, bevor die Grenzen zumachen, nach Hause zu kommen.

Pierre, ihr Ehemann wurde noch zur Verstärkung hinzugerufen, sicher ist sicher. Auch er war bekleidet mit einem etwas größeren Stock und seiner obligatorischen Schildmütze, die in nicht sehr diskretem Gelb von weitem leuchtete. Sie hatte die Schlüssel (wie immer wenn die Nachbarn verreisen) und wir treten ein. Es war still, unheimlich schon fast, aber Manon, allen voran, geht furchtlos von Raum zu Raum, klopft mit dem Stock an jede Tür und brüllt gleichzeitig »y a-t-il quelqu’un?«. Na ja, ob da wirklich jemand antwortet? Und tatsächlich, als wir im untersten, letzten Zimmer ankommen, steht das Fenster weit offen. Es war klar, hier musste jemand geflohen sein. Das wurde auch durch die Spuren im Gras vor dem Fenster von Manon belegt.

Pierre hat sich mittlerweile als Schlusslicht diskret hinter uns streitbaren Damen durch das Haus geschlichen, jederzeit zur Flucht bereit, falls etwas passieren sollte.

Wieder am Tageslicht hat natürlich Lilou, die Altbäurin und Arthure, der Altbauer sich erkundigt, ob wir was gefunden hätten. Ja haben wir, das Fenster war offen, offenbar hat jemand übernachtet – ach ja und das Bett war zerwühlt, die Spuren waren eindeutig. »Und, habt Ihr auch unter den Betten nachgesehen?« Das hatten wir in unserer Aufregung wohl übersehen. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag und wer weiß, vielleicht kommt er ja zurück. Heute ist jedenfalls ein wunderschöner Tag und den genießen wir erst einmal.

A bientôt