Monat: April 2020

Das erste Mal

… nein nicht was Sie jetzt gerade denken. Aber im Frühling gibt es so viele erste Male. Die ersten Schwalben sind hier und bei den Nachbarn gibt es noch richtige Schwalbennester im Stall, die fast alle schon besetzt sind. Es ist so schön, ihnen bei ihrem Flug zuzusehen und sie sind ja auch richtige Wetterboten. Der erste Bienenschwarm der mit seiner Königin eine Bleibe gesucht und gefunden hat. Wie eine große laute Wolke sind sie über uns hinweggeflogen und beim Nachbarn gelandet. Die ersten Kraniche, über die ich ja schon geschrieben habe. Die ersten Blüten und ja, auch der erste Sonnenbrand gehört dazu, den ich mir letzte Woche eingefangen habe. Und der Höhepunkt sind immer die ersten Wildblumen auf unserer Wiese hinter dem Haus.

Der erste Holunder von unserem Baum und der erste Holundersaft. Schon der Duft seiner Blüten regt zum Träumen an. Der erste Löwenzahnhonig von unserer Wiese, die ersten Schmetterlinge und die ersten Bienen. In einem alten Baum habe ich ein riesiges Hornissennest entdeckt. Diese sanften Riesen werden zu Unrecht gefürchtet, da sind Wespen viel gefährlicher. Und manchmal kommt die eine oder andere uns besuchen.

Das erste Sommergewitter, das vor ein paar Tagen mit lautem Krachen und dem ersehnten Regen über uns hinweggezogen ist und nur Gutes hinterlassen hat. Ich liebe Gewitter, sie besitzen ein Urkraft, die hör-, seh- und spürbar ist. Das laute Donnergrollen ist schon von Weitem wahrnehmbar und warnt die Menschen, sich in ihre Häuser zu begeben.

Der erste Ausflug in die Natur, den man auch in Quarantäne gut machen kann. Das erste Vogelgezwitscher am Morge, das erste Mal Essen im Freien. Die ersten Kräuter, die in den Salat und ins Essen kommen. Der erste Biospargel, von einem Bauern ganz in der Nähe, der ganz hervorragend schmeckt.

Der erste Haarschnitt, den ich meinem Mann verpasst habe und der gar nicht so schlecht war und meinen Mann dazu veranlasst hat, sich in Zukunft den Friseur zu sparen.

All diese ersten Male sind kleine Höhepunkte, die unser aller Leben bereichern und es erst spannend und schön machen.

A bientôt

Markt in Quarantäne

Gestern wollte ich mir ein Stückchen Normalität gönnen und habe den Markt in Le Bugue besucht. Der Parkplatz war zwar nicht mehr so voll wie immer und von den Marktständen nicht einmal ein Drittel vorhanden, aber immerhin, er war noch da wie schon seit 700 Jahren ohne Unterbrechung und er wird auch Corona überleben.

Die Brücke über die Vézère war belebt, aber das fröhliche Geplauder ist leiser geworden und die sonst angeregt plaudernden Grüppchen haben sich aufgelöst, man diskutiert aus sicherem Abstand aber man diskutiert, denn das wird man den Franzosen nicht abgewöhnen können. Da bleiben sie standhaft – wie im Widerstand.

Küsschen sind ja eine Art Nationalheiligtum und als der Präsident der Republik seine erste Ansprache an die Nation vor versammelten Journalisten hielt, war die allererste und damit dringlichste Frage ob denn nun auch die »bises« verboten wären, was natürlich mit JA beantwortet werden musste. Es war still im Saal, sehr still und ich will mir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen der Franzosen vor sich gegangen ist. Ein Ritual, das alles überdauert hat und wofür die Menschen in Frankreich stehen wurde einfach über Nacht abgeschafft. Und tatsächlich fehlt es im Straßenbild.

Nachdem ich Gemüse und ein Hühnchen für meinen Mann eingekauft hatte, bin ich noch schnell in die Kooperative gefahren, um Blumen für Manon zu besorgen – sie hatte ja gestern Geburtstag und sie ihr auf die Terrasse zu stellen und gemeinsam mit meinem Mann ein Ständchen zu singen – in fünf Sprachen. Darüber war die Freude wie immer sehr groß und wir konnten doch noch ein paar Scherze austauschen und herzlich lachen.

Na ja und auch von Commissaire Maigret wird es eine Fortsetzung geben, denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

A bientôt

Gut Ding braucht Weil

Gestern war es endlich soweit, wir haben das erste Mal auf der Terrasse zu Abend gegessen und ein Fläschchen »Crement« aufgemacht, um den Erfolg unserer letzten Wochen harter Arbeit zu zelebrieren. Natürlich ist die Arbeit noch nicht zu Ende aber auch in Zeiten der Quarantäne darf man das Feiern kleiner Teilerfolge nicht vergessen.

Am Morgen, wenn ich mich mit den Hunden zu unserem täglichen Spaziergang auf den Weg mache, gehe ich immer durch unsere Wildblumenwiese, in der es nicht nur eifrig blüht sondern in der auch die Stimmen des Sommers zu hören sind, die Grillen. Sie zirpen was das Zeug hält und werden nur noch von den Zikaden übertroffen, die ich so gerne am Abend, draußen auf der Terrasse höre.

Der Gemüsegarten ist nun fertig gestellt, die Kletterhilfen wurden von meinem »komplexen Mann« mit viel Liebe und Material aus unserem kleinen Wäldchen hergestellt, die Samen gesät und die ersten kleinen Pflänzchen gepflanzt. Wie eine Löwin ihre Beute umkreise ich mehrmals täglich den Garten, als ob ich den Pflanzen beim Wachsen zusehen könnte – aber es ist einfach nur schön.

Klettergarten für Melonen

Mit dem gemähten Gras könnten wir schon bald unsere eigenen Tiere halten und – ach ja – da sind die Gedanken an die Tiere, die auf uns warten, um vielleicht in das neue Zuhause umzusiedeln. Ich bin ja fest der Meinung, dass die Tiere uns finden werden, nicht wir sie. Und wenn die Quarantäne vorüber ist, wer weiß, wer bei uns einzieht? Das Hühnerhaus musste in den letzten Wochen noch ein wenig warten aber wenn wir etwas haben, dann ist es Zeit. Wir haben uns entschlossen, keine fertigen Produkte zu kaufen, sondern aus den Materialien, die wir im Wald finden, selbst Dinge herzustellen. Das ist zwar mühsamer aber letztendlich sind sie schöner und stabiler.

Gurkenklettergerüst

Und ja, die alten Weinstöcke, die ich gefunden und geschnitten habe, treiben aus und brauchen jetzt Hilfe, damit sie in die richtige Richtung wachsen. Sie sind stark und sehr alt, wie mir Lilou versichert hat. Sie waren schon da, als sie Arthure geheiratet hat und von ihrem Nachbardorf hierher an den kleinen Weiher gezogen ist.

Die ersten Kletterrosen

Manchmal erzählt sie mir von dem Leben in diesen fernen Tagen und sie hat mir auch die Quelle gezeigt, wo alle Frauen zusammengekommen sind, um ihre Wäsche zu waschen und ihre Neuigkeiten auszutauschen.

Alte Egge von Arthure

Gerade ist Arthure mit seinem alten Traktor vorbeigefahren, mit einem seiner Hunde auf der Kühlerhaube, um gemütlich an seinen Arbeitsplatz zu fahren, seiner »Cabane« um an seinen Weinfässern zu arbeiten und seinen Gemüsegarten, hinter der Hütte zu bearbeiten.

Unsere Blumenwiese

Es ist ein ruhiges Leben, einfach und auf das Wichtige reduziert und das ist es, was in meinen Augen den Menschen glücklich macht.

A bientôt

Commissaire Maigret

Wer aus der Generation 50-er kennt ihn nicht den berühmten Commissaire Maigret, der elegant, die Pfeife im Mundwinkel, die schwierigsten Fälle gelöst hat oder die berühmte Miss Marple, die mit scharfem Verstand und weiblicher Raffinesse in die dunkelsten Ecken der menschlichen Seele blicken konnte.

Aber das haben wir hier auf unserem kleinen Weiher auch in Form unserer Nachbarin, der Jungbäuerin. Ausgerechnet am Osterwochenende bekam ich einen Anruf von ihr »Beatrice, kannst Du bitte kommen, im Nachbarhaus steht das Fenster offen und es dringen so komische Geräusche nach außen«.

Auch mein detektivischer Instinkt war geweckt, schließlich war mein Urgroßvater Hauptkriminalkommissar in Wien, wie mir meine Mutter immer voller Stolz erzählt hat. Also mache ich mich auf den Weg, bewaffnet mit meinem Handy.

Manon steht schon vor dem Haus. Ihre Silhouette ist nicht zu übersehen, klein, ein wenig rund, mit einem riesigen Mobiltelefon um die füllige Taille, was sich nicht gerade vorteilhaft auswirkt, ihr Hütchen auf dem Kopf, das ihre pfiffigen, wachen Augen hervorblicken lässt. In ihrer rechten Hand hält sie einen langen Stock, der sonst zum Abholen der Kühe vom Feld bestimmt ist und begleitet von ihrer treuen Begleiterin »Coquette«, einer Hütehündin.

In Zeiten von Corona verzichten wir natürlich nicht nur auf die obligatorischen Küsschen sondern halten auch wirklich konsequent Abstand. Und tatsächlich, als ich ankomme, nicht gerade leise, höre ich laute, diffuse Geräusche aus dem Haus. Das Haus steht leer, weil die Besitzer bei ihren Kindern in England zu Besuch waren und es vor Sperren nicht mehr geschafft haben, rechtzeitig, bevor die Grenzen zumachen, nach Hause zu kommen.

Pierre, ihr Ehemann wurde noch zur Verstärkung hinzugerufen, sicher ist sicher. Auch er war bekleidet mit einem etwas größeren Stock und seiner obligatorischen Schildmütze, die in nicht sehr diskretem Gelb von weitem leuchtete. Sie hatte die Schlüssel (wie immer wenn die Nachbarn verreisen) und wir treten ein. Es war still, unheimlich schon fast, aber Manon, allen voran, geht furchtlos von Raum zu Raum, klopft mit dem Stock an jede Tür und brüllt gleichzeitig »y a-t-il quelqu’un?«. Na ja, ob da wirklich jemand antwortet? Und tatsächlich, als wir im untersten, letzten Zimmer ankommen, steht das Fenster weit offen. Es war klar, hier musste jemand geflohen sein. Das wurde auch durch die Spuren im Gras vor dem Fenster von Manon belegt.

Pierre hat sich mittlerweile als Schlusslicht diskret hinter uns streitbaren Damen durch das Haus geschlichen, jederzeit zur Flucht bereit, falls etwas passieren sollte.

Wieder am Tageslicht hat natürlich Lilou, die Altbäurin und Arthure, der Altbauer sich erkundigt, ob wir was gefunden hätten. Ja haben wir, das Fenster war offen, offenbar hat jemand übernachtet – ach ja und das Bett war zerwühlt, die Spuren waren eindeutig. »Und, habt Ihr auch unter den Betten nachgesehen?« Das hatten wir in unserer Aufregung wohl übersehen. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag und wer weiß, vielleicht kommt er ja zurück. Heute ist jedenfalls ein wunderschöner Tag und den genießen wir erst einmal.

A bientôt

Erwachen

Das wird jetzt ganz oft der Fall sein

Es ist früher Morgen, die letzten Träume verflüchtigen sich, das Tageslicht verdrängt das Dunkel der Nacht und plötzlich ist sie da – die Amsel. Ihr komplexer Gesang, die Variationen und die gurgelnden Töne dominieren den Morgen. Sie singt, als ob sie alle aufrufen möchte »raus aus Euren Federn, raus aus Euren Verstecken, lasst uns den Tag zusammen feiern«. Langsam scheinen ihrem Weckruf mehr und mehr Vögel zu folgen und bald ist die Luft erfüllt von unzähligen Vogelstimmen, die den Morgen mit ihrem vielfältigen Gesang erfüllen.

Kirschbäume

Mich hält nichts mehr, ich muss hinaus. Und es lohnt sich immer. Die Luft ist klar und sauber. Der Wind weht sanft durch die Blätter und die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite, so als ob sie sagen wollte »seht her Menschen, gönnt uns doch ein wenig Ruhe, damit auch wir uns erholen können, wir werden es Euch mit unserer vielfältigen Schönheit danken.« Mit einer Tasse Tee sitze ich demütig auf unserer Terrasse und lausche.

Dann muss ich doch einen kleinen Rundgang machen, dann seit Mitte dieser Woche hat mein Garten Zuwachse bekommen, einige Heilkräuter, ein wenig Gemüse und viele Samen, die jetzt bei kühlen Nächten aber Tagestemperaturen um die 23 Grad ihre Köpfe rausstrecken.

Beinwell

Meine Aloe Vera hat im Wohnzimmer gut überwintert und ist jetzt reif für den Garten. Der Dill sprießt bereits, die Angelika ist ausgesät, die Eberraute ist noch sehr bescheiden, der Wermut und der Estragon sind schon ein wenig größer, die Schwarznessel sprießt was das Zeug hält, der Borretsch ist ein gern gedeckter Tisch für die Wildbienen, die Ringelblume vermehrt sich fleißig, der chinesische Schnittlauch ist noch sehr bescheiden, die Kamille zeigt erstes zartes Wachstum, die Wegwarte ist zahlreich in unserer Wiese, das Maiglöckchen hat bereits erste Blüten ausgebildet, der Achterschachtelhalm ist bereits groß und und und… hinzugekommen sind der gelbe Cosmos, Rhonen, Kohlrabi und Gurken, Beinwell, Ysop, die blaue Kornblume (auf deren natürliche Ausbreitung ich hoffe) und die gute alte Studentenblume, das Johanniskraut ist bereits da, genauso wie die Iris, der Lavendel (verschiedene Sorten), Geißblatt, Malve, Zitronenmelisse, Minze, Indianernessel, Basilikum, Oregano, Majoran, Mohn, Petersilie, die Schlüsselblume, die Primel, die kleine Braunelle, der Rosmarin, der Sauerampfer (kultiviert und wild), Salbei, Holunder, Seifenkraut, Hauswurz, Goldrute, Beinwell, Thymian, Veilchen und viele viele rote Spornblumen, die sich auf den Mauern breit machen.

Aloe

Den Reichtum unserer Blumenwiese, das habe ich mir vorgenommen, werde ich diesen Sommer reichlich erforschen und dokumentieren, es gibt dort einen Reichtum, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr erleben durfte. Meine Ausrüstung wird eine Kamera sind und ein Blumenbuch, um sie zu bestimmen.

Farn

Aber jetzt setze ich mich erst einmal auf die Terrasse und genieße die Ruhe, die Stimmen der Natur und die Sonne auf meiner winterblassen Haut.

Feigenbaum

A bientôt

Schwarznessel

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